Andervenner Frauen lassen die Puppen tanzen

Andrea Bongers überzeugt bei lilalauer Nacht

Wenn die Show damit beginnt, dass Graf Zahl vor 411 Frauen strippt, dann ist wieder Lilalaue Nacht in Andervenne.
Das traditionelle Kult-Event lockte am vergangenen Donnerstag und Freitag fast 900 Frauen in das Festzelt.
In diesem Jahr war als Hauptakt die Hamburger Kabarettistin, Puppenspielerin (beispielsweise in der Sesamstraße) und Sängerin Andrea Bongers geladen, die das eh warme Zelt mit ihrer wortstarken Performance noch weiter aufheizte.

bis in die puppen 9 20151021 1070887019

„Wir rocken jetzt den Schuppen bis in die Puppen“ so das eingangs gesungene und wiederkehrende Programmmotto der Künstlerin, die von Christopher Noodt gekonnt am Flügel begleitet wurde. Ihr voraus gingen Kurzperformances der einladenden Andervenner Theatergruppe, die gewitzt den Bogen zur Künstlerin schlug, indem Figuren und Szenen aus der Sesamstraße vorgeführt wurden.

Dann der figurenstarke Auftritt von Andrea Bongers: Charisma und eine geballte Portion Frauenpower entfalten sich schon auf der Bühne, bevor sie überhaupt einen Ton gesagt hat. Schade wäre es drum gewesen, denn gerade in ihrer Stimme liegt ihre offensichtliche Stärke.
Ob mit der Puppe des nörgeligen Großvaters, des gescheiterten Oberstudienrat Richard von Holzofen oder der Sexualtherapeutin Dr. Sissy Snake: Die Künstlerin überzeugt mit ihren verschiedenen Stimm- und Tonlagen, die im Sekundentakt zu ihrer eigenen geändert werden können.
In ihrer Selbstperformance als burschikose bayrische Bäuerin zeigt sie, dass sie auch Dialekte perfekt beherrscht.

bis in die puppen 14 20151021 1788236130

Nerv der Zeit getroffen

Wenn sie dann in dieser Rolle der strengen Anni B., die ein Bauernhof-Boot-Camp gegründet hat und die verzogenen Stadtkinder durch ihre Kuhställe hetzt, erzählt, dass ein Mädchen „mit ihren Glitzer-Ballerinas kurzerhand eine Laktoseintoleranz bekommt“, trifft sie mit ihren Scherzen den Nerv der Zeit und des Landlebens.

Aber auch sich selbst vermag sie auf die Schippe zu nehmen, zum Beispiel als helikopterartige Mutter, die nicht loslassen kann, oder als shoppingsüchtige Frau, zu der unaufhörlich ihre dunkle, animalische Seite (in Form eines ulkigen, derben Handpuppenschafs) spricht.
Mit und ohne Puppen witzelt sie über Ehe und Erziehung und ist dem weiblichen Publikum deshalb so nah. Was aber nicht bedeutet, dass das jüngere, nicht verheiratete Publikum nicht auch auf seine Kosten kam – darin liegt ja gerade die Magie der beliebten Veranstaltung:

Wenn alle dem gutaussehenden Pianisten nachpfeifen, Bett- und Trennungsgeschichten erzählt werden und vereint über Männerwitze geprustet wird, dann trifft die Vorführung genau ins Blaue und alle Frauen feiern vereint die Lilalaue Nacht in Andervenne

bis in die puppen 13 20151021 1544409943

(Lingener Tagespost, 17. August 2015)